Fit für die Zukunft – die Hochschulen brauchen Schulabgänger, die frischen Wind bringen

Sehr viele Schülerinnen und Schüler waren unter den Zuhörern, als der Elternbeirat des rng am 3.3.05 zum Vortrag „Fit für die Zukunft – Schule, Hochschule und Wirtschaft in einem Boot ?!“ einlud. Der Hauptreferent des Abends, Herr Prof. Josef Fischer, ist Dekan des Fachbereiches Technik und Management an der Fachhochschule Ravensburg-Weingarten und stellte zunächst die Fachhochschule vor, die letztes Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feiern konnte und die Marke von 2000 Studenten überschritt. Die FH ist ein lebendiges Beispiel dafür, dass auch der Bereich Hochschule und Lehre nach Gesichtspunkten modernen marktwirtschaftlichen Managements geführt werden kann: Seit der Hochschulreform steht an der Spitze der FH ein selbständiges Gremium, der Hochschulrat, der den Hochschulrektor beruft und die Budgets der Fachbereiche nach extern überprüften Erfolgskriterien festsetzt (z.B. wie rasch, wie gut und wie zufrieden die Studenten ihr Studium abschließen). Die Professoren erhalten ein niedrigeres Grundgehalt, können sich jedoch über besondere Leistungen Zusatzgehälter erwerben, mit denen sie deutlich über das alte Professorengehalt hinaus verdienen können.

Herr Prof. Fischer erklärte das neue Abschlusssystem, auf das die FH zum nächsten Semester umstellen wird: Nach 7 Semestern wird der Bachelor erworben, der dem bisherigen Diplom nach 8 Semestern entspricht (beim Bachelor entfällt eines der beiden Praxissemester). Der Bachelor entspricht dem ersten berufsqualifizierenden Hochschulabschluss. Im Anschluss daran oder zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt kann ein 3-semestriges Aufbau-Studium absolviert werden, an dessen Ende der Master erworben wird und damit die Promotionsberechtigung (neu: auch Fachhochschulen-„Master“ können promovieren!). Schließlich erklärte der Referent das neu eingeführte European Credit Transfer System, mit dem auch die Arbeitszeit deutscher Studenten erfasst wird: 1 Credit entspricht 22 Arbeitsstunden, pro Semester müssen 30 Credits erworben werden, pro Kalenderjahr also 60. Dies entspricht der Durchschnittsarbeitszeit eines 8-Stunden-pro-Tag-Erwerbstätigen. Auf dieser Ebene werden zukünftig europaweit die Ausbildungszeiten vergleichbar gemacht (z.B. zwischen Hochschulen mit Semester- und solchen mit Trimester-Betrieb).
 
Der zweite Teil des Hauptreferates stellte die Ausbildungsphilosophie moderner Studiengänge in den Mittelpunkt, nach der die FH Ravensburg-Weingarten ihr Lehrangebot ausrichtet:

Der Internationalisierung der Ausbildung wird von Anfang an eine wichtige Rolle eingeräumt. So gibt es an der FH z.B. einen Studiengang Mechatronics, der englischsprachig durchgeführt und hauptsächlich von ausländischen Studenten besucht wird.

Ein zweiter wichtiger Gesichtspunkt der Lehre besteht darin, dass die Endkunden heute nicht nur fertige Maschinen kaufen, sondern auch die Problemlösungskompetenz und –intelligenz des Herstellers fordern. Umwelt und Ökologie werden zunehmend wichtige Faktoren bei der Produktberatung.
Die neue Grundphilosophie der Lehre hat zu zwei wichtigen Ausbildungssäulen geführt:

Zum einen ist fundiertes theoretisches Fachwissen unabdingbar, wenn es auch ständig auf seine Berufsrelevanz hin überprüft, „abgespeckt“ oder erweitert wird. Vor allem die ersten Semester werden von Professoren abgedeckt, die über ein sehr breit gestreutes, aber überwiegend theoretisches Fachwissen verfügen. Das Hauptstudium hingegen wird von Professoren bestritten, die ausgedehnte berufliche Praxiserfahrungen hinter sich haben.

Die zweite Säule besteht aus der Vermittlung von persönlichen Zusatzkompetenzen: der praktischen Erfahrung im Umgang mit Managementmethoden und –konzepten, der praktischen „Selbsterfahrung“ und Einübung der Teamfähigkeit, der Sensibilisierung für andere Kulturkreise (von Ingenieuren wird heute die selbständige Souveränität im Umgang mit fremden Kulturen und z.B. deren ungeschriebenen Gesetzen erwartet) und schließlich der fachübergreifenden Kenntnisse (Ingenieure studieren 15 % ihres Studiums BWL/Kostenrechnung, BWL-Studenten studieren 15 % Ingenieurwissen).

Eine wichtige Maxime der Lehre besteht in der Gewährung zunehmender Freiheitsgrade an die Studenten: Ist das Grundstudium noch weitgehend von den Professoren vorgeschrieben, um der unerfahrenen Selbständigkeit der Studienanfänger Rechnung zu tragen, so werden im Hauptstudium 20 % der Vorlesungen und Kurse von den  Studenten selbst ausgewählt und die Professoren beschränken sich auf Gruppen- oder bei Bedarf auch Einzel-Coaching der Studenten.

Diese Ausbildungsphilosophie gründet sich auf der Tatsache, dass für Studienabgänge das Zeugnis nur als „Eintrittskarte“ zu einem Bewerbungsgespräch in einem modernen global arbeitenden Unternehmen zählt und zu ca. 20 % der Gesamtbewertung führt. 80 % der Einstellungskriterien beziehen sich heute auf  die Persönlichkeit des Bewerbers.

Außerdem möchte die Hochschule den Studenten die soziale Kompetenz für die Einarbeitung des Berufsanfängers an seinem ersten Arbeitsplatz vermitteln, damit er sich von Anfang an als wichtiger Mitarbeiter einarbeiten kann – und sei es auch durch die Übernahme von Aufgaben, die von den erfahrenen Mitarbeitern des Unternehmens als lästig empfunden oder vernachlässigt werden.

Besonderen Wert legt die FH Ravensburg-Weingarten auf die Vernetzung mit der Wirtschaft: Im Hochschulbeirat sitzen viele Vertreter und Topmanager der regionalen Großunternehmen, die Studenten werden zu Praktika und Workshops an Unternehmen vermittelt.
 
Im letzten Teil seiner Ausführungen ging Prof. Fischer auf die Frage „in einem Boot?“ ein und konstatierte aus seiner Sicht folgende Sachlage:

Von Schülerseite werde oft die Forderung erhoben, sie bräuchten mehr Beratung, andererseits werden sie häufig kritisiert wegen unzureichender Eigeninitiative.

Lehrer beklagen, dass die Wirtschaft immer schimpft: Legt man den Schwerpunkt der Schulausbildung auf Fachwissen, so wird mehr Sozialkompetenz verlangt, wird mehr Sozialkompetenz vermittelt, fehle Fachwissen.

Die Hochschule vermisst an den Schulabgängern Selbstständigkeit und bemängelt charakterliche Defizite.

Die Wirtschaft kritisiert gerne eine Wirtschaftsfeindlichkeit der Lehrer.
Den schwierigsten Punkt sah der Referent in der Zeitversetzung, mit der Reformen durchgeführt werden: Bis neue Anforderungen der Wirtschaft über den Hochschulapparat und die Lehrerschaft beim Schüler ankommen und die Schüler schließlich als Studienabgänger in die Wirtschaft eintreten, braucht die Wirtschaft schon wieder andere Kompetenzen. Die Lösung dieses Problems sieht Prof. Fischer in einer funktionierenden Vernetzung, in der Parallelität der Reformforderungen der Wirtschaft und deren sofortiger Umsetzung sowohl in Schule als auch Hochschule. Dies setzt natürlich voraus, dass in der Vernetzung eine Prüfinstanz eingearbeitet ist, die kurzfristige Modeerscheinungen der Wirtschaft von langfristigen Trends unterscheiden kann.
 
Die „Theorie“ des Hauptvortrages ergänzte Frau Simone Laudon von der Sudwestmetall (Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie Badn-Württemberg e.V.) durch die „Praxis“ des SIA-Projektes, der Schüler-Ingenieur-Akademie. Aktuell läuft das 17. SIA-Projekt mit 18 Schülern der gymnasialen Oberstufe von 6 Gymnasien in Ravensburg und Friedrichshafen in Zusammenarbeit mit regionalen Weltunternehmen und der FH Weingarten: Probevorlesungen, Workshops, Betriebs- und Arbeitsplatzbesichtigungen, Gespräche mit Managern, Arbeitsgruppen (z.B. Thema Brennstoffzelle, DVD-Player/Optik, Radonmessung, Weißlichthologramm, BWL-Spiele, Carrerarennbahn in Praxis und Computersimulation).

Die Sudwestmetall unterhält dieses Projekt zur Förderung des Ingenieurnachwuchses neben anderen Projekten wie der Stärkung des mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Unterrichtes an Schulen, der Förderung unternehmerischen Denkens an Schulen, der Fortbildung von Lehrern in Symposien/Lehrgängen/Ferienakademien, der Schaffung von zusätzlichen Ausbildungsplätzen und der Förderung von Hauptschülern und Facharbeitern.

In der Diskussion wurden Fragen zu den neuen Bachelor-/Master-Abschlüssen gestellt, zur Einbeziehung mittelständischer regionaler Unternehmen in die SIA und zu allgemeinen Fragen. Unter anderem wurden folgende Antworten gegeben:

Ob ein Abiturient einen Vorteil davon hat, wenn er zunächst eine Lehre beginnt und erst dann das Studium, kann grundsätzlich nicht gesagt werden, sondern muss individuell betrachtet werden. Grundsätzlich kommt niemand um seine „Lehrzeit“ herum – ob jetzt vor dem Studium oder (in anderer Form) nach dem Studium. Für die FH ist es sehr belebend, dass sie sowohl frischgebackene Abiturienten als auch Studienanfänger mit Berufserfahrung bekommt. Abiturienten sind theorielastiger, sind aber ebenso willkommen, „weil sie frischen Wind reinbringen“.

Auf die Frage, welche zweite Fremdsprache (neben dem Englischen) die FH für zukunftswichtig hält und auch selbst anbietet, war die Antwort: Spanisch.

Der voll besetzte Musiksaal, die Diskussion und die anschließenden Gespräche mit den Referenten zeigten das Interesse an diesem zukunftsweisenden Thema, das von den Referenten informativ, anschaulich und lebendig erörtert wurde.