Fortsetzung: Vortrag Prof. Kornwachs "Brauchen wir das Wissen, was wir haben? - Haben wir das Wissen, was wir brauchen?"

Von der Informationsflut zum Wissenserwerb

WANGEN (hr) – Mit dem Wissen im 21. Jahrhundert befasste sich Prof. Dr. Klaus Kornwachs in einem Vortrag am Rupert-Neß-Gymnasium am vergangenen Montag. Seine zentrale Frage: Wie kann die Schule ihre Absolventen auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten?

Eingeladen hatte der Elternbeirat am RNG im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe „Unzeitgemäße Vorträge“. Mit dieser Reihe wolle man Raum schaffen, „quer zum Zeitgeist“ zu denken und gesellschaftliche Trends kritisch zu hinterfragen, so der Elternbeiratsvorsitzende Rainer Thiede.

Prof. Dr. Klaus Kornwachs, selbst Vater von drei Schülern des Rupert-Neß-Gymnasiums, lehrt Philosophie an den Universitäten Cottbus und Ulm und ist Experte in Fragen der Technikfolgenabschätzung. „Unzeitgemäß“ waren seine Ausführungen insofern, als er nicht dem heute verbreitetem Trend zu schnellen pragmatischen Handlungsanweisungen folgen, sondern sich dem Thema „Wissen“ auf philosophischem Wege annähern, „Zeit zum Nachdenken“ nehmen wollte.

In seinem Vortrag zeigte er zunächst, dass es bereits im Altertum Bestrebungen gab festzulegen, was gelehrt werden sollte. Damals war man der Meinung, dass Wissen gleichzusetzen sei mit richtigem Handeln. „Die Geschichte zeigt aber, wie oft Menschen wider besseres Wissen gehandelt haben“, so Kornwachs.
Heute unterscheide man zwischen Wissen und Informationen. „Erst durch das Verstehen von Informationen entsteht Wissen“, sagte der Referent. Ein weiterer Beitrag zum Wissen seien persönliche Erfahrungen, die durch Informationen nicht zu ersetzen seien.

Durch die technischen Möglichkeiten stünden heute weitaus mehr Informationen zur Verfügung, als wir lesen oder verstehen könnten, und auch die Möglichkeiten, aus Erfahrung zu lernen, seien begrenzt. „Verstehen bedarf einer Mindestzeit“, sagte Kornwachs. Der Lernprozess könne nicht wesentlich beschleunigt werden. Gleichzeitig werde die Schulzeit verkürzt. Schon allein deshalb sei man gezwungen auszuwählen.
Dafür wiederum brauche man Kriterien. Diese dürften sich jedoch nicht in den Erinnerungen der Lehrkräfte an ihre eigene Bildungsgeschichte erschöpfen, sondern müssten sich daran orientieren, was die heutigen Schüler in ihrem späteren Leben erwarte. Kornwachs’ Blick in die Zukunft fiel nicht unbedingt erfreulich aus. Zu befürchten sei, dass der Trend zur „Fragmentierung“, Zersplitterung der Lebensverhältnisse, zur Flüchtigkeit und Ungeduld sich fortsetzen und verstärken werde. Auch sieht er eine Konfrontation mit fundamentalistischen Strömungen auf uns zukommen. „Wir leben nicht auf einer Insel der Seligen“, meinte er und beschrieb die demografischen Probleme, denen ein Schüler, der im Jahr 2050 etwa 58 Jahre alt sein wird, ausgesetzt sein wird. Durch den zunehmenden Abstraktionsgrad der beruflichen Anforderungen werde es in der zukünftigen Arbeitswelt noch mehr Verlierer geben als heute. „Die Schere zwischen Hilfsarbeiten und hochqualifizierten Tätigkeiten wird weiter auseinander klaffen“, prophezeite Kornwachs.

Konsequenzen für die Wissensvermittlung in der Schule: Zukunftsthemen wie Ethik, Ökologie, Arbeit und Technik, globale Gerechtigkeit müssten mehr Raum im Lehrplan einnehmen – über den bisherigen Fächerkanon hinaus. Wichtig sei es, dass die Schüler erfahrungsorientiert lernen könnten, wie man sich Wissen erwirbt; dazu gehöre auch ein kritischer Umgang mit den Medien als neue Informationsquellen. Die im Rahmen der neuen Bildungspläne geschaffenen Fächerverbünde und die Mitwirkungsmöglichkeiten der einzelnen Schulen an ihren Lehrplänen bezeichnete er als kleine, aber revolutionäre Schritte in die richtige Richtung. „Überdenken wir die Lehrpläne dahingehend, ob sie es den zukünftigen Generationen ermöglichen, in ihrer künftigen Lebenssituation verantwortlich zu handeln“, so die abschließende Forderung.