Vortrag Prof. Rothe "Der Verlust der Erfahrung in der modernen Erziehung"

Eigene Erfahrungen seien die wesentliche Voraussetzung für die Reifung der Persönlichkeit, so der Pädagoge, der vor 49 Jahren selbst sein Abitur am Rupert-Neß-Gymnasium abgelegt und seither an allen Schultypen – von der Grundschule bis zur pädagogischen Hochschule – gelehrt hat. Wer die Welt eigenständig erfahre, könne sich später besser in ihr orientieren, kenne seine eigenen Fähigkeiten und Grenzen und könne echtes Verständnis für andere Menschen entwickeln. In der Gesellschaft, in der Kinder und Jugendliche heute leben, werde die Möglichkeit zur eigenen Erfahrung jedoch zunehmend enger.

„Immer kompliziertere und komplexere Strukturen überfordern die Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit des Einzelnen“, erläuterte Rothe. Die arbeitsteilige Wirtschaft lasse nur einseitige Erfahrungen zu, eine wachsende Wissenschaftsgläubigkeit führe zu realitätsfremdem Intellektualismus. Immer stärker werde der Wunsch nach Ersatzerfahrungen durch Medien: Fernsehbilder, von denen man sich anrühren lassen könne, ohne Verantwortung zu übernehmen, Computersimulationen, bei denen sich Probleme risikolos per Mausklick lösen ließen.

Verstärkt werde diese Entwicklung durch eine zunehmende Verschulung. Abstrahierender Unterricht, das Lernen an Modellen und Symbolen grenze das reale Leben und seine alltäglichen Erfahrungen aus. „Unsere Jugend hat ein großes enzyklopädisches Wissen, aber sie kann keine eigenen Erfahrungen machen – und sie will sie schon nicht mehr machen.“

Diese Entwicklung zum „Wissen ohne Erfahrung, zum Kennen ohne Können“ sei gefährlich, so der Pädagoge. Sie erzeuge eine Generation, die gekennzeichnet sei durch eine einseitige Weltsicht, naiven Egozentrismus und Scheu vor Wagnissen, Initiativen und Verantwortung.

Rothe fordert eine Neugestaltung des Schulunterrichts. Der Unterricht müsse von der Erfahrungswelt der Kinder ausgehen, Sachverhalte zum Thema machen, bei denen die Schüler auch sachkundig mitreden könnten, anstatt sich immer als Unwissende belehren zu lassen. Die „sinnliche, emotionale Empfindung“ müsse Ausgangspunkt sein, von dem aus dann die Dinge abstrahiert „auf den Begriff gebracht“ werden könnten. Der so genannte Projektunterricht, der in den neuen Bildungsplänen stärker berücksichtigt werden soll, biete gute Ansätze für eine solche „Erfahrungsdidaktik“ – vorausgesetzt, er werde „vernünftig“ umgesetzt.

Rothe warnte eindringlich vor einer fortschreitenden „Institutionalisierung der Erziehung“, wie sie mit der Ganztagesschule einhergehe. „Kinder brauchen keine weitere pädagogisch aufbereitete Wirklichkeit, sondern sie brauchen unverzichtbar freien Raum, um zu mündigen Bürgern heranwachsen zu können.“ Solchen Raum fänden sie zum Beispiel im freien Spiel, in der Natur oder in freien Jugendgruppen.