Kennen Sie Haydi!?

Nein, das ist kein Schreibfehler! Schüler des Wahlfaches Literatur und Theater am RNG unter Leitung von Sara H. Gibson haben eine Theateraufführung mit dem Titel Haydi! besucht und sich sodann als Theaterkritiker versucht. Lesen Sie hier eine Rezension von Lynda Kruck (J 2) und von Jule Blümel (J 1), passend zur RNG-Aktionswoche Flucht und Asyl.

Haydi! - zwei Welten Komik und Tragik

Passt das zusammen? Die Berliner Theatergruppe Familie Flöz in Regie von Michael Vogel gelingt die Zusammenführung im Laufe ihres gut besuchten Theaterstücks „Haydi!“ am Lindauer Stadttheater. Haydi? Der Titel wirft zunächst Fragen auf. Was verbirgt sich dahinter? Hat es etwas mit der Almgeschichte vom Mädchen Heidi der Autorin Johanna Spyri zu tun?

In einer der zwei parallel laufenden Geschichten zeigen sich tatsächlich Verbindungen zu dem Roman. Eine weitere Bedeutung des Wortes kommt aus dem Türkischen, wo "haydi" so viel bedeutet wie „voran, aufwärts“. Im Stück laufen zwei Handlungsstränge nebeneinander und werden durch verschiedene Darstellungsformen dem Zuschauer präsentiert: Die tragische Geschichte einer Familie aus den Bergen, die in einer kargen Alpenlandschaft in bitterer Armut lebt, wird auf einer Leinwand gezeigt, während drei Beamte in einem Grenzposten eine komische Szenerie darstellen.

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Aus purer Verzweiflung machen sich die Eltern von Haydn auf den Weg und die Suche nach einem besseren Leben und lassen ihr Kind und den Großvater allein in den Bergen zurück. Als der Enkel seinen Opa tot auffindet, macht er sich selbst auf den Weg, bis er schließlich an den Toren der besseren Welt scheitert. Sein Leben liegt dort in den Händen der Büroangestellten, die die Flüchtlingsakte des Kindes hin und her schieben Die Arbeiter der reichen Welt demonstrieren ihren routinierten Arbeitstag, der weder effizient noch gleichberechtigt verläuft. Am Ende treffen die beiden Welten aufeinander und Haydi stirbt.

Lediglich ein Mitarbeiter aus der reichen Welt interessiert sich für das tote Kind, allerdings kommt jede Hilfe zu spät. Ewig, ewig, ewig. Ein rotes Tuch. Es zieht sich als Symbol durch das komplette Theaterstück und verknüpft die Szenen miteinander. Dieses Tuch sticht besonders hervor, da die restlichen Kleidungsstücke überwiegend in dunklen Farben gehalten sind. Die tragische Geschichte auf der Leinwand wird in schwarz-weiß gezeigt, im Vergleich dazu das Bürogebäude in bunt.

Die Szenen werden durch das Tuch miteinander verbunden, dennoch kommt es doch zu Unklarheiten, auch, da die Geschichte teilweise rückblickend erzählt wird. Untypisch für die Familie Flöz ist, dass sie bei diesem Stück weitgehend auf ihre charakteristischen skurrilen Masken von Hajo Schüler verzichtet. Außerdem wird hier erstmals gesprochen, wobei die Sprache bewusst unverständlich ist und rein lautmalerisch eingesetzt wird. Auch bleiben einige Szenen unverständlich wie die, als die Eltern ihr Kind in das Bett des neuen Mitarbeiters legen. Am Ende wird das Theaterstück aber mit großem Beifall bejubelt. Spannend ist insbesondere das Zitat von Johanna Spyris Roman, das die alte Geschichte in ein neues Licht rückt. (Lynda Kruck)

Haydi! - Heidi aktuell

Die Problematik der Flüchtlingskrise geht um die Welt, die News sind voll davon. Es vergeht kein Tag an dem man nichts von einer weiteren Entwicklung zu diesem Thema hört. Jeder bekommt es mit und viele versuchen Lösungen zu finden und engagieren sich. Aber genauso viele schauen einfach nur zu, alles was sie tun: die Nachrichten im Fernseher verfolgen. Wenn man sich aber einen Abend von seinen Gewohnheiten losreißen kann, sich statt vor den Fernseher vor eine Bühne setzt und die Familie Flöz anschaut, kann man durchaus neue Impulse bekommen. Denn ihr neues Stück ist auf genau dieses aktuelle Thema gerichtet. „Haydi!“ ist die sechste Produktion der freien Theatergruppe „Familie Flöz“.

Am 11.11. spielten Andres Angulo, Björn Leese und Hajo Schüler im Stadttheater Lindau. Die Regie übernahm Michael Vogel, der die künstlerischen Mittel der Familie Flöz mit grotesken Verkleidungen und einem Wechsel zwischen Schauspiel und Puppenspiel erweitert und eine sehr packende und berührende Geschichte über die typischen Situationen der Flüchtlinge mit Motiven aus dem Roman „Heidi“ von Johanna Spyri erzählte. Es laufen zwei Geschichten parallel nebeneinander ab, geschickt aneinander geknüpft und mit einem Wechsel zwischen Witz und Ernst, was fesselnd und ein bisschen verwirrend zugleich ist. Gleich zu Beginn wird die Thematik des Stückes in einer misslungenen Präsentation eines Beamten vorgestellt: die Flüchtlingskrise.

Das Leben in den Büros, der zuständigen Behörde, geht ungestört weiter, es herrscht reger Betrieb, die Beamten necken sich gegenseitig, flirten, spielen Tischtennis oder trinken Kaffee und befassen sich nicht wirklich mit ihrer Arbeit. Unterstrichen wird das Ganze von den typischen Hintergrundgeräuschen einer Großstadt. Alle sind sie faul und schieben einen Ordner mit einem roten Tuch immer hin und her, denn niemand will sich mit dem Fall befassen. Die Geschichte dazu wird im Hintergrund im Rückblick erzählt.

Die Figuren sind für die Theatergruppe typisch, sie haben lange maskenhafte Gesichter. Die Farben sind schwarz, weiß und grau, was den Ausdruck der Geschichte stark beeinflusst. Es ist die Geschichte einer Auswanderung. berührend und fesselnd in mehreren Blöcken erzählt. Es geht um eine Familie, Vater, Mutter, Großvater und Tochter. Sie sind arm, haben kaum was zum Essen und müssen sich irgendwie durchschlagen, bis die Eltern hoffnungsvoll losziehen und ihre Tochter beim Großvater zurücklassen.

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Dieser stirbt aber bald und das Mädchen macht sich ebenfalls auf den Weg, alleine. In einer eindringlichen Szene klopft es an verschlossene Eisengitter und ist auf die Hilfe von anderen angewiesen. Doch genau wie das Schicksal ihrer Eltern führt auch ihres sie zum Grenzzaun und zum Tod. Die melancholische Musik im Hintergrund ist sehr dramatisch und berührend und rüttelt die Zuschauer auf. Insgesamt ist es eine sehr gelungene Inszenierung, die viele emotionale aber auch künstlerische Elemente zusammenbringt. Das Ende lässt den Zuschauer grübeln und man kann nicht anders als sich mit dem angesprochenen Thema auseinanderzusetzen.

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Das Theaterstück stellt eine aussagekräftige Migrationsgeschichte dar, die die verschiedenen Welten drastisch kontrastiert. Und offenbart uns einmal mehr, in welch bürokratischer Welt wir leben. Gleichzeitig ist es aber auch ein Aufruf an alle, nicht die Augen zu verschließen vor dem, was im Moment in der Welt passiert. (Jule Blümel)