Geschichte

Ein Blick in die Vergangenheit

Unser heutiges Gymnasium richtet sich an alle Schichten der Bevölkerung. In den Anfängen ging es weit elitärer zu. Im hohen Mittelalter konnte fast nur der Klerus lesen und schreiben. Schulunterricht fand auf Lateinisch statt und hatte vor allem den Priesternachwuchs im Blick. Auch in Wangen gab es schon früh solch eine Lateinschule. Der erste Beleg der Wangener Lateinschule ist eine Urkunde aus dem Jahr 1329: Dort wird ein "Heinrich Schulmeister und Schreiber zu Wangen" erwähnt. Gemeinsamkeiten dieser Schule mit unserem heutigen Gymnasium gibt es eigentlich nur zwei: Die Vorbereitung auf ein Studium ist auch heute noch ein zentrale Aufgabe. Und Lateinunterricht bieten wir heute auch noch an – allerdings als ein Fach unter vielen.

Allmählich differenzierte sich das Schulwesen. Die Zeitenwende der Renaissance – seither sprechen wir nicht mehr vom Mittelalter, sondern von der Neuzeit – brachte die Aufwertung der Landessprachen, die neben dem Lateinischen nun immer mehr Gewicht auch im Bildungswesen bekamen. Im 16. Jahrhundert ist auch in Wangen neben der Lateinschule eine deutsche Schule für die jüngeren Knaben belegt. Um 1675 kam eine deutsche Mädchenschule hinzu. Für einige Mädchen ist auch der Besuch der Lateinschule nachgewiesen, doch waren das eher Ausnahmen.

Anfang des 17. Jhs. schrieb Schulmeister Aichelin den ersten Entwurf einer Schulordnung für die Wangener Lateinschule, in der er empfahl, den Schulunterricht den Jesuiteng­ymnasien anzugleichen, was einige Zeit später auch geschah. Diese Gymnasien hatten drei Stufen (Grammatik, Humanität, Rhetorik), doch in Wangen wurde ausschließlich die Grammatik gelehrt. Dabei bestand die Schule noch lange Zeit nur aus einer Klasse – am ehesten vielleicht unserer heutigen Unterstufe vergleichbar. Einer der Gründe dafür war die geringe Zahl der Schüler, die zwischen 20 und 40 schwankte. Für die deutsche Knabenschule sind im 18. Jahrhundert immerhin durchschnittlich 70 Schüler belegt, die Mädchenschule weist nur geringfügig niedrigere Zahlen auf. Allerdings gingen die Mädchen zwei bis vier, die Jungen aber vier bis sieben Jahre in die deutsche Schule.

1714 wollte Rupert Neß, der Abt des Reichsstifts Ottobeuren und gebürtiger Wangener, in seiner Heimatstadt ein voll ausgebautes Gymnasium einrichten, an dem fünf oder sechs Patres aus dem Benediktinerstift Ottobeuren als Professoren wirken sollten. Das Projekt scheiterte an der ablehnenden Bürgerschaft, die vor einer allzu großen finanziellen Belastung Angst hatte. Die Zeit war noch nicht reif – etwas boshafter könnte man natürlich auch sagen, die Stadtväter waren für höhere Bildung zu geizig.

Zu dieser Zeit konnte man nach Belieben in die Schule eintreten und sie auch wieder verlassen. Ein Schuljahr im heutigen Sinne gab es nicht, ebenso wenig eine Schulpflicht. Das Alter der Lateinschüler lag zwischen 12 und 18 Jahren – und alle Schüler saßen in derselben Klasse!

Größere Veränderungen brachte das 19. Jahrhundert. Die "lateinische Schule" als einzige weiterführende Schule bestand zunächst immer noch aus einer einzigen Klasse. Wer ein Studium anstrebte, musste nach drei Schuljahren seine Heimatstadt Wangen verlassen, um auswärts als Internatsschüler das Abitur zu machen. Die angestrebten Studienfächer waren überwiegend Theologie, Medizin oder Pharmazie.
Als zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Industrielle Revolution auch Deutschland erreichte, hatte das Auswirkungen auf das Bildungswesen, auch in Wangen. 1845 wurde der Lateinschule zusätzlich die Errichtung einer "Realschule" genehmigt. Man sollte jedoch eher von einem Realschulzweig sprechen. Neue Fächer wie Physik und geometrisches Zeichnen hielten Einzug. Hier liegt die Wurzel des heutigen naturwissenschaftlichen Profils in Abgrenzung zum sprachlichen Zug unserer Schule.

Beide Schulzüge bestanden zunächst wiederum nur aus einer einzigen Klasse und einem Ein-Mann-Kollegium. Doch der neue Schulzweig kam gut an, die Realschülerzahl wuchs viel schneller als der Lateinzug, bald gab es mehrere Klassen. (Erst 1961 kam es in Wangen zur Gründung der heutigen eigenständigen Realschule.)

Im 20. Jahrhundert schließlich näherte sich die Zahl der Klassenstufen schrittweise heutigen Verhältnissen an. 1928 zog man vom Gebäude der heutigen Jugendmusikschule in das neugebaute, heute von uns "Altbau" genannte Schulhaus in der Jahnstraße um. 1930 beantragte der Gemeinderat bereits die Einrichtung eines 7. Schuljahrs, dies wurde allerdings erst acht Jahre später verwirklicht. In die Nazizeit fällt dann auch der Ausbau zur Vollanstalt - nach über 200 Jahren sollte sich also die Vision des Rupert Neß doch noch erfüllen! 1940 wurde – nach acht Gymnasialjahren – der erste Abitursjahrgang verabschiedet. Zwei der Abiturienten hatten kurz zuvor schon die Schule zwangsweise verlassen – sie mussten in den Krieg ziehen und bekamen ihr Abitur nachträglich aufgrund ihrer Jahresleistungen zuerkannt.

Nach dem Ende der Nazidiktatur und der verheerenden Niederlage wurde im Oktober 1945 der Schulbetrieb wieder aufgenommen. Die Schulbücher der Nazizeit wurden anfangs zum Teil durch nachgedruckte Schweizer Schulbücher ersetzt. Schon 1949 sind neun Schuljahre belegt. Diese Zahl verringerte sich erst wieder 2012 – mit der Abiturprüfung der letzten "13er" ist das achtjährige Gymnasium nun (wieder) zum Standard geworden.

1975 gab der Gemeinderat der Schule einstimmig den Namen "Rupert-Neß-Gymnasium". Keine Mehrheit fanden die Namen Spiegler-, Eichendorff- und Stauffenberg-Gymnasium.

Unaufhörlich wächst seither das Rupert-Neß-Gymnasium. Das historische Hauptgebäude von 1928 wurde seit 1958 in mehreren Schritten immer wieder erweitert und ergänzt, zeitweise musste auch auf benachbarte Schulen ausgewichen werden. Die Schülerzahl beträgt heute (2012) knapp 1200. Und inzwischen haben die Mädchen die Mehrheit erobert.

Gerold Fix